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Compound Finance: rsETH-Kollateralfaktor soll auf 80% angehoben werden, um geordnetes Unwind zu ermöglichen
Von KryptoRatgeber · veröffentlicht 14. Juli 2026

Das Risikoanalyse-Unternehmen Gauntlet hat am 12. Juli 2026 im Compound-Governance-Forum vorgeschlagen, den sogenannten Borrow Collateral Factor — also die Quote, bis zu der Nutzer gegen hinterlegte Sicherheiten Kredite aufnehmen dürfen — für den Token rsETH im Ethereum-WETH-Markt von derzeit 0 % auf 80 % anzuheben. Wer in diesem Markt rsETH als Sicherheit hinterlegt hat, steckt derzeit in einer Zwickmühle: Ohne diesen Puffer können Betroffene ihre Positionen nicht schrittweise auflösen. Für Anleger, die in der Welt der dezentralen Kreditprotokolle unterwegs sind, zeigt dieser Fall anschaulich, wie riskant unflexible Sicherheitenregeln werden können.
Warum 0 % ein Falle ist — und 80 % der Ausweg sein soll
Konkret geht es um ein strukturelles Problem: Ein Borrow Collateral Factor von 0 % bedeutet, dass hinterlegtes rsETH-Collateral — also die als Pfand eingereichte Menge des Tokens — derzeit keinerlei Kreditspielraum bietet. Wer seine rsETH-Position auflösen will, müsste zuvor seine gesamte WETH-Schuld auf einen Schlag zurückzahlen. Für Nutzer, die sogenannte Looping-Strategien gefahren haben — bei denen ETH-Schulden und rsETH-Sicherheiten mehrfach gestapelt werden, um die Rendite zu hebeln — ist das schlicht nicht machbar. Einerseits sind Rücknahmen von rsETH über die Kelp-Plattform nicht sofortig; andererseits fehlt ausreichende Liquidität auf dezentralen Börsen, um größere Mengen schnell zu verkaufen.
Laut Increase Collateral Factor for rsETH on Ethereum WETH Comet to enable orderly unwind (Compound Governance) setzt Gauntlet den vorgeschlagenen Wert bewusst auf 80 % — und damit deutlich unterhalb des ursprünglichen Niveaus von 88 % — um ein konservativeres Risikoniveau beizubehalten. Gleichzeitig bleibt der Supply Cap bei 0: Neue rsETH-Positionen können weiterhin nicht eröffnet werden. Die Anhebung öffnet also keine Hintertür für frisches Engagement, sondern schafft ausschließlich einen kontrollierten Ausweg für bestehende Positionen. Gauntlet kündigt an, den Prozess engmaschig zu beobachten.
Wenn ein Notausgang nachträglich eingebaut werden muss
Dieser Vorschlag ist kein Aufbruchssignal — er ist Krisenmanagement. Der entscheidende Unterschied: Der Supply Cap für rsETH bleibt bei null. Das heißt, niemand kann neue rsETH-Positionen in diesem Markt aufbauen. Die Anhebung des Borrow Collateral Factors auf 80 % öffnet keinen neuen Markt, sondern schafft schlicht einen geordneten Rückzugsweg für diejenigen, die bereits feststecken.
Das Muster dahinter ist lehrreich: Wenn ein Liquid Staking Token (LST) als Sicherheit zugelassen wird, steckt dahinter die Annahme, dass er liquide genug ist, um im Notfall schnell verkauft werden zu können. rsETH erfüllt diese Bedingung offensichtlich nicht mehr — die On-Chain-Liquidität ist zu dünn, Rücknahmen über das Kelp-Protokoll dauern. Ein Faktor von 0 % sollte das Risiko einfrieren, hat aber unbeabsichtigt auch den Ausgang versperrt.
Für deutsche Nutzer, die dezentrale Kreditprotokolle nutzen, ergibt sich daraus eine konkrete Lektion: Die Wahl des Collateral-Assets bestimmt nicht nur, wie viel man leihen kann, sondern auch, wie schnell man eine Position im Ernstfall wieder auflösen kann. Exotischere Token wie LRTs — Liquid Restaking Token, eine neuere Variante von Staking-Derivaten — bringen oft höhere Renditeversprechen, aber auch schlechtere Markttiefe. Wer dort mit geloopten Strategien arbeitet, kann schnell in genau die Situation geraten, die dieser Vorschlag jetzt lösen soll: eingesperrt, ohne funktionierenden Notausgang.
Warum Sicherheitenregeln bei Restaking-Token besonders heikel sind
rsETH ist ein sogenannter Liquid Restaking Token (LRT) — ein Derivat, das entsteht, wenn Ether oder bereits gestakte ETH-Token über ein Protokoll wie EigenLayer ein zweites Mal eingesetzt werden, um zusätzliche Netzwerke zu sichern. Diese doppelte Bindung macht solche Token strukturell komplexer als gewöhnliche Liquid Staking Token: Rücknahmen laufen über mehrere Protokollschichten, sind nicht sofortig und hängen von Warteschlangen ab — genau das schränkt die verfügbare Liquidität an dezentralen Börsen ein.
Für Kreditprotokolle wie Compound ist Collateral — also das, was ein Kreditnehmer als Pfand hinterlegt — nur dann sicher handhabbar, wenn es im Notfall zügig verkauft werden kann. Ist das nicht der Fall, steigen die Risiken für alle Beteiligten: Das Protokoll kann Sicherheiten bei einer Liquidation nicht schnell genug verwerten. Eben dieses Spannungsfeld hat dazu geführt, dass rsETH im betroffenen Markt schrittweise zurückgefahren wurde und der Supply Cap bereits auf null gesetzt ist.
Häufige Fragen
Warum können betroffene Nutzer ihre Position nicht einfach schließen?
Wer rsETH als Sicherheit in einem geloopten Kredit einsetzt — also ETH leiht, damit wieder rsETH kauft und diesen erneut hinterlegt — muss bei einem Collateral Factor von 0 % die gesamte Schuld auf einen Schlag zurückzahlen, bevor er die Sicherheiten abziehen kann. Da rsETH-Rücknahmen über das Kelp-Protokoll Zeit brauchen und kaum On-Chain-Liquidität vorhanden ist, ist das in der Praxis oft nicht durchführbar.
Bedeutet die Anhebung, dass rsETH bei Compound wieder vollständig zugelassen ist?
Nein. Der Supply Cap für rsETH bleibt laut Gauntlets Vorschlag bei null — es können also keine neuen rsETH-Sicherheitenpositionen eröffnet werden. Die Anhebung des Borrow Collateral Factors auf 80 % dient ausschließlich dazu, bestehenden Nutzern einen kontrollierten, schrittweisen Abbau ihrer Positionen zu ermöglichen, ohne sie zu einer sofortigen Komplettabwicklung zu zwingen.