KryptoRatgeber

Glossar

Zinseszins

Aktualisiert 12. Juni 2026

Zinseszins ist der Mechanismus, bei dem erwirtschaftete Zinsen oder Erträge nicht ausgezahlt, sondern dem bestehenden Kapital hinzugefügt werden – sodass in jeder Folgeperiode eine größere Basis verzinst wird.

Funktionsweise und Formel

Das Grundprinzip ist arithmetisch präzise: Wer Erträge reinvestiert, erzielt in der nächsten Periode Zinsen auf die Zinsen der Vorperiode. Das Kapital wächst dabei nicht linear, sondern exponentiell – beschrieben durch die Formel K_n = K₀ × (1 + i)^n, wobei K₀ das Anfangskapital, i der Zinssatz pro Periode und n die Anzahl der Perioden ist.

Ein knapper Vergleich verdeutlicht den Unterschied: Wer 1.000 Euro zu fünf Prozent jährlich anlegt und die Zinsen jedes Jahr entnimmt, erhält nach zehn Jahren exakt 500 Euro Zinsen – also stets 50 Euro pro Jahr. Wer dieselben Erträge stets reinvestiert, kommt nach zehn Jahren auf rund 629 Euro Zinsertrag, weil das Kapital jedes Jahr von einer höheren Basis aus wächst. Der Unterschied wirkt anfangs gering; über zwanzig oder dreißig Jahre potenziert er sich erheblich.

Entscheidend ist der Zeitfaktor: Bei kurzen Laufzeiten ist der Unterschied zwischen einfachem Zins und Zinseszins kaum spürbar. Die eigentliche Kraft entfaltet sich erst bei langen Anlagehorizonten – ein Umstand, den Ökonomen gelegentlich als „achtes Weltwunder" bezeichnen, ohne dass dieser Ausdruck irgendeine Anlageempfehlung begründet.

Krypto-Relevanz: APY vs. APR

Im DeFi-Bereich ist der Zinseszinseffekt strukturell eingebaut. Viele Protokolle reinvestieren anfallende Erträge automatisch – etwa in Kreditprotokollen oder Liquiditätspools. Die Kennzahl APY (Annual Percentage Yield) bildet diesen Effekt ab, indem sie die Zinseszinsperioden einrechnet. Sie liegt deshalb stets über dem einfachen APR (Annual Percentage Rate), der Erträge linear hochrechnet. Je häufiger innerhalb eines Jahres aufgezinst wird – täglich statt jährlich –, desto größer die Differenz zwischen APY und APR. Wer beide Kennzahlen nicht auseinanderhält, vergleicht Protokolle auf falscher Grundlage. Vertiefend dazu: aToken / cToken (Zins-Token).

Kehrseite: Schulden und Margin

Derselbe Mechanismus wirkt bei Verbindlichkeiten gegen den Schuldner. Aufgelaufene Zinsen erhöhen die Schuldenbasis; auf diese erhöhte Basis fallen wiederum Zinsen an. Bei Margin-Positionen oder besicherten Krypto-Krediten kann unkontrolliertes Compounding auf der Schuldenseite die Verbindlichkeit schneller anwachsen lassen, als Sicherheiten an Wert gewinnen.

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