News
EZB-Direktor Cipollone: Eurosystem startet Pontes-Projekt für DLT-Abwicklung in Zentralbankgeld
Von KryptoRatgeber · veröffentlicht 26. August 2026

Das Eurosystem — also die Europäische Zentralbank (EZB) zusammen mit den nationalen Notenbanken — hat offiziell das Projekt Pontes gestartet, das Blockchain-basierte Finanztransaktionen erstmals direkt in Zentralbankgeld abwickelbar machen soll. EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone verkündete dies am 26. August 2026 beim Bundesbank-Symposium „Future of payments" in Frankfurt. Für deutsche Anleger und Finanzmarktteilnehmer bedeutet das: Die Infrastruktur für tokenisierte Wertpapiere — also digitale Abbilder klassischer Vermögenswerte auf einer Blockchain — bekommt erstmals einen direkten Anschluss an das sichere Fundament von Notenbankgeld.
Brücke zwischen Blockchain und Notenbankgeld: Was Pontes und Appia konkret vorsehen
Hintergrund für den Schritt ist ein rasantes Marktwachstum: Weltweit haben sich tokenisierte klassische Vermögenswerte auf öffentlichen Blockchains zwischen März 2025 und März 2026 etwa verfünffacht. In den USA verarbeitete eine einzelne private Plattform im März 2026 im Schnitt 354 Milliarden US-Dollar pro Tag in tokenisierten Repo-Geschäften — also kurzfristigen, besicherten Ausleihgeschäften in digitaler Form — viermal so viel wie ein Jahr zuvor.
Pontes soll technisch eine Brücke bauen: Die Plattform verbindet die Blockchain-Systeme privater Marktteilnehmer mit den bestehenden TARGET-Diensten des Eurosystems — dem zentralen Zahlungsabwicklungsnetz der europäischen Notenbanken. So kann der Geldteil einer Transaktion in echtem Zentralbankgeld finalisiert werden, statt in privaten Token. Bis Mitte 2028 ist ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb mit Mehrwährungsfähigkeit geplant.
Parallel dazu arbeitet das Eurosystem am Projekt Appia, das bis 2028 einen Bauplan für ein integriertes europäisches Ökosystem tokenisierter Finanzmärkte liefern soll — inklusive gemeinsamer technischer Standards und Governance-Regeln. Bereits seit März 2026 akzeptiert das Eurosystem DLT-basierte Wertpapiere europäischer Zentralverwahrer als notenbankfähige Sicherheiten, wie Cipollone in seiner Rede beim Bundesbank-Symposium (EZB) darlegte.
Warum Zentralbankgeld on-chain ein Unterschied ist — und was Pontes noch nicht löst
Das Entscheidende an Pontes ist nicht die Technologie selbst, sondern das, was sie absichert: Zentralbankgeld — also das sicherste Geld, das es gibt, weil dahinter keine Bank pleite gehen kann, sondern die Notenbank steht. Bisherige tokenisierte Finanztransaktionen liefen oft über kommerzielle Banken oder private Stablecoins als Zahlungsmittel. Das Pontes-Projekt ersetzt diese Umwege durch eine direkte Anbindung an das bestehende TARGET-Zahlungssystem des Eurosystems.
Das klingt technisch, hat aber praktische Konsequenzen: Wer tokenisierte Anleihen oder Repo-Geschäfte — also kurzfristige besicherte Wertpapierleihen — abwickelt, trägt künftig weniger Gegenparteirisiko. Das ist für institutionelle Anleger wie Versicherungen, Pensionsfonds oder Banken in Deutschland relevant, die regulatorisch auf sichere Abwicklung angewiesen sind.
Gleichzeitig sollte man die Einschränkungen nicht übersehen: Pontes und Appia sind Infrastrukturprojekte des Eurosystems, keine EU-Gesetze. Sie schaffen Leitplanken und Standards, verpflichten Marktteilnehmer aber nicht zur Nutzung. Ob und wie schnell tokenisierte Märkte in Europa tatsächlich an Breite gewinnen, hängt auch davon ab, ob sich Banken, Börsen und Verwahrstellen auf gemeinsame Standards einigen — ein Prozess, der in Europas fragmentierter Marktinfrastruktur mit 31 Zentralverwahrern erfahrungsgemäß Zeit braucht.
Kurzum: Der institutionelle Rahmen für tokenisierte Finanzmärkte in Europa wird konkreter — aber der Weg von der Infrastruktur zur breiten Praxis bleibt offen.
Warum Zentralbankgeld auf der Blockchain ein alter Wunsch der Finanzmärkte ist
Wer Wertpapiere kauft oder verkauft, will am Ende sicher sein, dass das Geld tatsächlich ankommt — und zwar ohne das Risiko, dass die Gegenpartei zwischenzeitlich pleitegeht. Genau dafür gibt es Zentralbankgeld: Es ist die sicherste Form von Geld überhaupt, weil dahinter eine Notenbank steht. Bei klassischen Transaktionen läuft die Abwicklung schon lange über die TARGET-Dienste des Eurosystems — ein europäisches Zahlungsnetz für Großbeträge zwischen Banken.
Das Problem: Neue Distributed-Ledger-Plattformen — also Systeme, bei denen Transaktionen dezentral auf vielen Rechnern gleichzeitig aufgezeichnet werden — konnten bislang nicht direkt auf dieses Fundament zugreifen. Tokenisierte Wertpapiere mussten deshalb mit anderen, weniger sicheren Geldformen abgewickelt werden. Pontes soll diese Lücke schließen und die beiden Welten technisch verbinden — inklusive der Möglichkeit, künftig Smart Contracts (selbstausführende digitale Verträge) direkt im Eurosystem zu nutzen.
Häufige Fragen
Was bedeutet „Abwicklung in Zentralbankgeld" eigentlich?
Bei jeder Wertpapiertransaktion gibt es zwei Seiten: die Übertragung des Wertpapiers und die Zahlung des Kaufpreises. Wird die Zahlung in Zentralbankgeld abgewickelt, fließt das Geld direkt über die Bilanz der Notenbank — das gilt als besonders sicher, weil kein privates Gegenparteirisiko besteht. Pontes soll genau das für Transaktionen auf Blockchain-Plattformen ermöglichen, die bisher darauf verzichten mussten.
Was ist der Unterschied zwischen Pontes und Appia?
Beide sind Eurosystem-Projekte, verfolgen aber unterschiedliche Ziele. Pontes ist die konkrete technische Brücke, die bestehende Blockchain-Plattformen von Marktteilnehmern an die TARGET-Zahlungsdienste des Eurosystems anschließt. Appia arbeitet auf einer übergeordneten Ebene: Es soll bis 2028 einen Bauplan — also Architektur, Standards und Governance — für ein integriertes europäisches tokenisiertes Finanzökosystem liefern. Pontes baut die Straße; Appia plant das Netz dahinter.