Glossar
Realisierte Marktkapitalisierung
Aktualisiert 12. Juni 2026
Realisierte Marktkapitalisierung (englisch: Realized Capitalization oder Realized Cap) ist eine On-Chain-Bewertungskennzahl für Kryptowährungen, bei der jede Einheit eines Coins nicht mit dem aktuellen Marktpreis, sondern mit dem Preis multipliziert wird, zu dem sie zuletzt auf der Blockchain bewegt wurde.
Funktionsweise: Kostenbasis statt aktueller Kurs
Die klassische Marktkapitalisierung berechnet sich schlicht aus dem aktuellen Kurs multipliziert mit der Circulating Supply. Damit bewertet sie auch Coins, die seit Jahren nicht bewegt wurden – etwa verlorene Bitcoin oder dauerhaft ruhende Bestände – zum vollen Tagespreis. Das verzerrt die Aussagekraft erheblich.
Die Realisierte Marktkapitalisierung korrigiert diesen Effekt: Jede On-Chain-Transaktion hinterlässt einen Zeitstempel und einen Preis. Wird ein Coin zum letzten Mal bei einem Kurs von 20.000 US-Dollar bewegt, fließt genau dieser Wert in die Berechnung ein – unabhängig davon, ob der aktuelle Kurs höher oder tiefer liegt. Die Summe aller solcher individuellen Kostenpunkte ergibt die Realisierte Marktkapitalisierung des gesamten Netzwerks. Sie lässt sich damit als aggregierte, transaktionsgewichtete Kostenbasis aller aktuellen Coin-Inhaber verstehen.
Eingeführt wurde die Kennzahl 2018 von Nic Carter und Antoine Le Calvez bei CoinMetrics, die die Berechnung durch automatische Indexierung aller Blockchain-Transaktionen operationalisierten. Heute gilt sie als Branchenstandard in der On-Chain-Analyse.
Einsatz im MVRV-Verhältnis
Die wichtigste Anwendung der Realisierten Marktkapitalisierung ist das MVRV-Verhältnis (Market Value to Realized Value): Es wird gebildet, indem die klassische Marktkapitalisierung durch die Realisierte Marktkapitalisierung dividiert wird. Ein Wert von 2 bedeutet beispielsweise, dass der Markt das Netzwerk auf das Doppelte der aggregierten Kostenbasis seiner Teilnehmer bewertet – die durchschnittlichen Inhaber sitzen also auf einem unrealisierten Gewinn von 100 Prozent.
Analytisch hilft das MVRV-Verhältnis, potenziell überhitzte Phasen von Phasen zu unterscheiden, in denen breite Verluste im Markt vorherrschen. Wichtig: Weder die Realisierte Marktkapitalisierung noch das MVRV-Verhältnis stellen ein Handelssignal dar. Wie alle Indikatoren und Muster der technischen und On-Chain-Analyse können sie scheitern – historische Muster wiederholen sich nicht zwingend, und die Kennzahl ersetzt keine eigenständige Risikoabwägung.