Glossar
Proof of Reserves
Aktualisiert 12. Juni 2026
Proof of Reserves (PoR) ist ein Prüfverfahren, mit dem ein Krypto-Verwahrstelle – typischerweise eine Börse oder ein Custodian – öffentlich nachweist, dass die von ihr verwahrten digitalen Vermögenswerte tatsächlich in ausreichender Höhe vorhanden sind, um alle Kundenguthaben zu decken.
Funktionsweise: Snapshot und Merkle Tree
Ein unabhängiger Prüfer erhebt zu einem bestimmten Stichtag einen vollständigen Snapshot aller Kundensalden und der zugehörigen On-Chain-Adressen. Diese Daten werden zu einem Merkle-Proof zusammengefasst – einer kryptografischen Baumstruktur, in der jeder Blattknoten einem einzelnen Guthaben entspricht. Der Wurzel-Hash des Baums ist öffentlich einsehbar. Jeder Nutzer kann anhand eines ihm zugewiesenen Teilbeweises anonym überprüfen, ob sein Guthaben im Gesamtbestand enthalten ist, ohne dass dabei Rückschlüsse auf andere Konten möglich sind. Parallel dazu weist der Custodian die Kontrolle über die entsprechenden Wallet-Adressen durch kryptografische Signaturen nach.
Das Verfahren erhielt nach dem Kollaps der Börse FTX im Jahr 2022 erheblichen Auftrieb. FTX hatte Kundengelder nicht vollständig hinterlegt und stattdessen für eigene Zwecke verwendet – ein Versagen, das PoR zumindest erschwert hätte zu verbergen.
Grenzen des Verfahrens
PoR liefert einen Nachweis für einen einzelnen Zeitpunkt, kein kontinuierliches Monitoring. Laut Einschätzungen von Prüfern und Börsen selbst ergeben sich daraus konkrete Lücken: Gelder könnten kurzfristig geliehen worden sein, um die Prüfung zu bestehen. Private Keys könnten dupliziert oder seit der letzten Prüfung verloren gegangen sein. Versteckte Verbindlichkeiten – etwa Kredite, die die Reserven faktisch belasten – bleiben unsichtbar, solange keine vollständige Bilanzprüfung erfolgt. PoR ist daher kein Ersatz für eine reguläre Wirtschaftsprüfung, sondern eine ergänzende Transparenzmaßnahme.
Im DeFi-Bereich wird PoR auch als On-Chain-Referenzfeed eingesetzt, etwa um die Besicherung von Stablecoins oder tokenisierten Vermögenswerten laufend überprüfbar zu machen. Einzelne US-Bundesstaaten, darunter Texas, arbeiten an gesetzlichen Definitionen, die PoR als regulatorischen Mindeststandard für Krypto-Verwahrer verankern sollen.
Für Nutzer, die eine vollständige Kontrolle über ihre Mittel anstreben, bleibt die Selbstverwahrung über eine Non-Custodial Wallet die einzige Möglichkeit, Verwahrungsrisiken grundsätzlich zu vermeiden – PoR reduziert das Gegenparteirisiko bei Custodians, eliminiert es jedoch nicht.