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Glossar

Interest Rate Model (Zinsmodell)

Aktualisiert 12. Juni 2026

Interest Rate Model (Zinsmodell) ist ein algorithmisches Regelwerk in dezentralen Kreditprotokollen, das Zinssätze für Kreditnehmer und Renditen für Liquiditätsgeber vollständig on-chain und in Echtzeit bestimmt – ohne zentrale Gegenpartei, ohne feste Laufzeiten und ohne manuellen Eingriff.

Funktionsweise: Auslastung als Kernparameter

Das zentrale Steuerungsinstrument ist die sogenannte Utilization Rate – das Verhältnis der aktuell geborgten Assets zu den insgesamt bereitgestellten Assets in einem Liquiditätspool. Die Logik dahinter ist direkt: Steigt die Nachfrage nach Krediten, erhöht sich die Auslastung; das Modell reagiert automatisch mit höheren Borrowing Rates. Gleichzeitig steigen die Zinserträge für Liquiditätsgeber, was neue Einlagen anreizt und die Auslastung wieder senkt. Fällt die Nachfrage, sinken beide Sätze entsprechend.

In der Praxis setzen Protokolle wie Aave und Compound eigene, in der Fachliteratur dokumentierte Zinsmodelle ein. Ein verbreitetes Designmuster ist die Knieknick-Kurve (kinked rate curve): Unterhalb eines definierten Auslastungsschwellenwerts – oft als „optimal utilization" bezeichnet – steigen die Zinsen moderat. Wird dieser Schwellenwert überschritten, schnellen die Kreditkosten steil an. Dieses abrupte Ansteigen soll verhindern, dass ein Pool vollständig ausgeliehen wird und Liquiditätsgeber ihre Mittel nicht mehr abziehen können. Die Zinsen werden Block für Block berechnet, typischerweise variabel und ohne feste Laufzeit.

Designentscheidungen und Protokollresilienz

Kleine Parameterentscheidungen im Zinsmodell haben große Konsequenzen. Die Lage des Kniepunkts, die Steigung der Kurven ober- und unterhalb dieses Punkts sowie die einbezogenen Sicherheitenparameter beeinflussen direkt:

  • Kapitaleffizienz: Zu konservative Kurven lassen Liquidität ungenutzt liegen.
  • Abhebungssicherheit: Zu flache Kurven bei hoher Auslastung gefährden die Liquidierbarkeit von Einlagen.
  • Lender-Rendite: Die Attraktivität eines Pools für Liquiditätsgeber hängt direkt von der modellierten Renditekurve ab.
  • Protokollresilienz: In Stressphasen bestimmt das Modell, ob ein Protokoll stabil bleibt oder sich Liquiditätsengpässe aufschaukeln.

Neuere Forschungsansätze (Stand Anfang 2025) untersuchen adaptivere Modelle, die neben der Auslastung auch die Qualität der hinterlegten Sicherheiten einbeziehen. Die Grundaufgabe bleibt jedoch dieselbe: Liquidität aus on-chain beobachtbaren Daten heraus bepreisen – ohne externe Informationsquellen oder manuelle Anpassungen.

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